Digital Democracy

Das Projekt "Digital Democracy" untersucht die Auswirkungen der Digitalisierung auf demokratische Prozesse und sozialwissenschaftliche Forschung.

Digitalisierung beeinflusst Demokratie

Die Digitalisierung verändert die Strategien politischer Mobilisierung und Kampagnenführung und erweitert die Möglichkeiten der Bürger, an Politik teilzunehmen.

Die Digitalisierung bedroht klassische Arbeitsplätze der Mittelklasse und führt zu wachsender politischer Polarisierung zwischen den Gewinnern und Verlierern dieses Prozesses.

Die Digitalisierung verändert das Regierungshandwerk, indem Entscheidungen sich zunehmend auf big data stützen und open data mehr Transparenz und Innovation versprechen.

Die Digitalisierung bedroht die Stabilität autoritärer Regime, indem Informationstechnologien das kollektive Handeln und die Verbreitung von Protesten erleichtern.


Digitalisierung verändert die Sozialwissenschaften

Die Digitalisierung verändert die sozialwissenschaftliche Forschung, indem Sozialwissenschaftler vermehrt big data nutzen, crowd-sourcing Technologien anwenden und komplexe Datensätze anhand von machine learning Techniken auswerten.

Die Digitalisierung erhöht die Transparenz der Forschung, indem sie den Datenaustausch und die Replizierbarkeit der Forschungsresultate erleichtert.

Die Digitalisierung beseitigt traditionelle Vermittlungskanäle zwischen Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit. Die neue Schweizer Plattform DeFacto bietet leicht zugängliche Zusammenfassungen bedeutender sozialwissenschaftlichen Forschungsresultate.


Mehr Informationen: Digital Democracy: How Digital Technology Is Changing Democracy and Its Study

Die temporäre Bedeutung von Vorbildern für die politische Vertretung von Frauen

"In den Parlamenten aller US-Bundestaat sind Frauen eine Minderheit" war der Titel eines kürzlich publizierten Beitrags auf Vox.com. Diesbezüglich sind jedoch die Vereinigten Staaten keine Ausnahme: Frauen sind fast überall auf der Welt politisch unterrepräsentiert. Wieso ist dies der Fall? Während es viele potentielle Erklärungen dafür gibt, gilt das Fehlen von gewillten Kandidatinnen als eine der grössten Hürden, die dem Schliessen des politischen „gender gaps“ im Weg stehen. Zwar finden sich noch immer strukturelle Nachteile für Frauen in gewissen politischen Institutionen und Wahlsystemen, jedoch ist auch die Angebots-Seite - dass weniger Frauen als Männer kandidieren - für die Untervertretung verantwortlich. Frauen sind tendenziell weniger daran interessiert sich für ein politisches Amt zur Wahl zu stellen als Männer. Dies ist einerseits mit dem Zweifel an den eigenen Qualifikationen zu erklären, andererseits mit der Tatsache, dass manche Frauen das Wahlprozedere und den Wahlkampf an sich nicht als reizvoll empfinden. Wie soll man nun diesem Sachverhalt entgegentreten? Geschlechterquoten waren und sind ein etabliertes und erfolgreiches Instrument um mehr Frauen für ein politisches Amt zu engagieren. Befürworter einer Quotenlösung argumentieren, dass Quoten positive externe Effekte (spillovers) auf die Frauenvertretung haben, womit sich eine Quote längerfristig selbst wieder hinfällig macht. Quoten führen nicht nur dazu, dass sich Wählerinnnen und Wähler vermehrt an weibliche Politikerinnen gewöhnen, sie schaffen zudem durch eine Erhöhte Beteiligung von Frauen an aktiven Wahlprozessen, dass es mehr Vorbilder für zukünftige weibliche Kandidatinnen gibt. Solche positiven Externalitäten entstehen nicht nur wegen der Geschlechterquote an sich, sondern wegen der durch ihr erwirkten stärkeren Präsenz von Frauen in politischen Ämtern generell.

Mein Artikel argumentiert, dass diese externen Effekte nicht nur innerhalb eines bestimmten Landes, Kantons oder innerhalb einer bestimmten Gemeinde eine Wirkung entfalten, sondern auch über deren Grenzen hinaus. Wird eine Kandidatin in ein Amt gewählt, so kann diese als Vorbild nicht nur für Frauen in derselben Gemeinde, demselben Kanton oder Land dienen, sondern auch Frauen in benachbarten politischen Einheiten. Als Konsequenz ist deshalb zu erwarten, dass die Kandidatur von Frauen durch Grenzen diffundiert. Die einzige Studie, welche dieses Argument bisher untersucht hatte, konnte dazu keine empirischen Belege finden. Die Studie berücksichtigte jedoch nur den Effekt einer einzigen, erst kürzlich stattgefundenen Wahl. Im Kontrast dazu macht sich meine Studie die späte Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz 1971 zu Nutze um den Effekt von weiblichen Vorbildern seit dem Begin des aktiven Frauenwahlrechts zu untersuchen. So lassen sich signifikante positive externe Effekte für einige Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts beobachten. Wurde eine Frau in einer Gemeinde gewählt, führte dies in der nächsten Wahlperiode in 10% der umliegenden Gemeinden dazu, dass eine zusätzliche Frau für das selbe Amt kandidierte. Dieser Effekt hält für ein paar Wahlperioden an, verschwindet dann jedoch: Die Wichtigkeit der weiblichen Vorbilder scheint nur temporär zu sein.

Zwei Gründe sind für diese abnehmende Wirkung von Vorbildern verantwortlich. Zum einen stellt sich heraus, dass externe Effekte nur dann eine Rolle spielen, wenn sich in einer Wahl keine Amtsinhaberin zur Wiederwahl aufstellt. Diese Fälle werden im Verlauf der Zeit seltener, da sich die politische Repräsentation von Frauen kontinuierlich verbessert. Andererseits ist zu beobachten, dass das Einpendeln des Frauenanteils bei lokalen Exekutiv-Wahlen um 20 bis 25 Prozent dazu führt, dass bei Bevölkerung, Parteien und potentielle Kandidatinnen der Eindruck entsteht, dies sei ausreichend für eine gleichberechtigte Vertretung der Geschlechter in politischen Ämtern.

Diese Befunde haben verschiedene praktische Implikation:

1) Interventionen, die zum Ziel haben, den Frauenanteil in der Politik zu erhöhen, sollten die positiven externen Effekte berücksichtigen. Werden zum Beispiel Quoten nur in gewissen Orten eingeführt, kann die (geographische) Verteilung so ausgestaltet werden, dass der Effekt maximiert wird.

2) Der Zeitpunkt einer Intervention ist entscheidend, da die externen Effekte verschwinden, wenn ein gewisser Anteil erreicht ist - auch wenn dieser Anteil weit entfernt von einer tatsächlichen Gleichberechtigung ist. Die groteske Konsequenz einer erfolgreichen Intervention kann deshalb sein, dass der Fortschritt, der im Bezug auf den Frauenanteil in der Politik erzielt wurde, zu schnell für selbstverständlich und ausreichend empfunden wird.

3) Diese Argumente können für andere unterrepräsentierte Gruppen, wie ethnische Minderheiten und LGBT Menschen (schwul, lesbisch, bi- und transsexuelle) von Bedeutung sein.

Trotz seiner Besonderheiten ist die Schweiz als Untersuchungsfall ziemlich repräsentativ für länderübergreifende Phänomene. Meine Studie zeigt, dass das Beispiel einer erfolgreichen Kandidatin andere Frauen motivieren kann eine politische Karriere anzustreben, jedoch nur bis der Anteil Frauen in der Politik als „genügend“ wahrgenommen wird. Ob Vorbilder auch in Zukunft einer Rolle spielen, wenn es darum geht, eine wirklich ausgeglichene Geschlechterverteilung in der Politik zu erreichen, ist davon abhängig, wie die gegenwärtige Situation von politischen Akteuren und der Bevölkerung im allgemeinen wahrgenommen wird – und davon wie erfolgreich Frauenrechtsgruppen dabei sind, diese Wahrnehmung zu ändern.

Rollenvorbilder, Spillover-Effekte und die Angebotsseite politischer Repräsentation von Frauen

Dieses Projekt zielt darauf ab, umfassende Daten über die Repräsentation von Frauen in den Gemeinden von 17 Schweizer Kantonen zu sammeln, wobei eine komplette Liste der Kandidatinnen und ihrer Wahlergebnissen seit der Einführung des Frauenwahlrechts auf Gemeindeebene erstellt werden soll. Diese Daten werden dazu verwendet, um den Einfluss von Rollenvorbildern – also von erfolgreichen Politikerinnen – auf die Beförderung der politischen Repräsentation von Frauen sowie auf ihre Kandidaturbereitschaft für ein politisches Amt zu untersuchen.

Einer der Hauptgründe für den anhaltenden Geschlechterunterschied in der politischen Repräsentation besteht darin, dass Frauen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für ein Amt kandidieren, obwohl ihre Wahlchancen tendenziell die gleichen sind wie die für Männer. Vorhergehende Studien haben belegt, dass im Kanton Zürich die Anwesenheit von Rollenvorbildern, definiert als erfolgreiche Politikerinnen mit denen sich Frauen identifizieren können, mit höheren Kandidaturzahlen von Frauen einhergeht, allerdings lediglich für vier Wahlgänge. Der spezifische Mechanismus, durch den Rollenvorbilder offenbar über die Zeit ihren positiven Effekt verlieren, verbleibt unklar und bedarf weiterer Abklärung. Dieses Projekt setzt interkantonale Vergleiche ein um a) Variationen im Anhalten des positiven Effekts von Rollenvorbildern zu untersuchen, b) abzuklären, wie Wahlregeln den Einfluss von Rollenvorbildern bedingen, c) die unbeabsichtigten Konsequenzen der Konsolidierung der Frauenrepräsentation zu untersuchen und d) sicherere Schätzungen von kausalen Effekten zu ermöglichen. Diese Schritte werden es erlauben, klarere Schlüsse über das aktuelle und das zukünftige Potential von positiven Rollenvorbildern zur Verbesserung der Frauenrepräsentation zu ziehen.

Trotz signifikantem Fortschritt in den letzten Jahrzehnten verbleiben Frauen in der Politik unterrepräsentiert. Die Stagnation des Frauenanteils in gewählten Ämtern unter 30% zeigt auf, dass nicht von einem positiven Interaktionseffekt, durch den eine erhöhte Frauenrepräsentation gute Bedingungen für eine weitere Verbesserung der Geschlechtergleichstellung schafft, ausgegangen werden kann. Es ist somit zentral zu verstehen, wie die Vorbildfunktion von erfolgreichen Politikerinnen dazu beitragen kann, diese Sachlage zu verändern und mehr Frauen in die Wahlpolitik einzuschliessen.

Policy-Diffusion anhand von automatisierter Textanalyse messen: Der Fall der Rauchverbote in der Schweiz und in den USA

Mit Policy-Diffusion ist gemeint, dass sich öffentliche Politiken zwischen Ländern, Staaten, Kantonen usw. verbreiten. Rauchverbote sind ein gutes Beispiel dazu: in der Schweiz ist diese Massnahme von vielen Kantonen aufgenommen worden, nachdem sie in einem Referendum im Kanton Tessin auf grosse Zustimmung gestossen ist. Ähnlich haben sich Rauchverbote auch in den USA rasch ausgebreitet, als Folge deren erfolgreichen Einführung in Kalifornien. Während die Hauptidee von Diffusionsprozessen intuitiv ist, ist hingegen der konkrete Ablauf dieser Prozesse kompliziert und vielfältig. Aus diesem Grund konnte die bisherige Forschung die Diffusion von Politiken gut dokumentieren aber nicht differenziert erklären.

Unser übergeordnetes Ziel ist es, durch die Anwendung von neuen statistischen Methoden, die es ermöglichen sehr grosse Mengen von Texten automatisch zu analysieren zu einem verbesserten Verständnis der Policy-Diffusion beizutragen. Konkret möchten wir erkennen, ob und wie die Wahrnehmung von Rauchverboten in einem Kanton bzw. amerikanischen Staat von ihrer Einführung in anderen Kantonen bzw. Staaten geprägt wird. Eine Hypothese ist z.B., dass Umsetzungsprobleme oder mögliche negative Auswirkungen auf Gaststätten anders thematisiert werden, nachdem einige Kantone bzw. Staaten gute Erfahrungen mit Rauchverboten gemacht haben. Dieses Analyseverfahren könnte in vielen anderen Bereichen angewedet werden und somit einen grossen Einfluss auf die Diffusionsforschung ausüben.

Unsere Arbeit wird neue und wichtige Informationen generieren über die Art und Weise wie sich Rauchverbote verbreitet haben, sowie über Diffusionsprozesse im Allgemeinen. Ein vertieftes Verständnis der Policy-Diffusion ist insofern relevant, als die landesweite Einführung einer Massnahme dadurch verlangsamt oder beschleunigt werden kann. Diese Information ist für die verschiedensten politischen Akteure von Bedeutung.

Demokratiediffusion und der "Arabische Frühling"

Die Proteste und demokratischen Reformen (einige davon relativ erfolgreich, andere nicht), die sich in den Staaten des Mittleren Ostens und Nordafrikas (MENA-Region) im Jahr 2011 zutrugen, wurden bekannt als der „Arabische Frühling“. Die in der Berichterstattung oft verwendete Metapher der Dominosteine transportierte die Idee, dass die Ereignisse in einem Land von jenen in einem anderen beeinflusst waren. Diese Interpretation ist in der Tat sehr plausibel und wird durch akademische Forschung unterstützt, die Belege sind jedoch nicht sehr aussagekräftig. Unsere Untersuchung verfolgt das Hauptziel, einen präziseren Einblick in diese Fragestellung zu erhalten. Zu diesem Zweck wird analysiert, wie Proteste und Reformen eines bestimmten Landes in einem anderen Land wahrgenommen wurden.

Konkret beziehen wir uns auf fünf Aspekte in der Wahrnehmung von Ereignissen: rivalisierende Gruppen in einem gewalttätigen Kontext, individuelle Schicksale oder Erfolge, Verantwortung für die Protestursache, religiöse und moralische Implikationen, sowie wirtschaftliche Konsequenzen für Individuen, Gruppen, Länder oder die ganze Gegend. Wir untersuchen die Verbreitung dieser Frames und insbesondere ihre Veränderung über die Zeit als Reaktion auf Ereignisse in anderen Ländern. Dies erfolgt durch die Auswertung einer hohen Zahl an Zeitungsartikeln mit statistischen Textanalysetechniken. Die Ergebnisse werden wichtige praktische Implikationen für das Verständnis der Demokratisierungsaussichten der MENA-Region haben und, im Allgemeinen, zum besseren Verständnis der Rolle von Interdependenz und Spill-over-Effekten in den zwischenstaatlichen Beziehungen beitragen.