Die temporäre Bedeutung von Vorbildern für die politische Vertretung von Frauen

"In den Parlamenten aller US-Bundestaat sind Frauen eine Minderheit" war der Titel eines kürzlich publizierten Beitrags auf Vox.com. Diesbezüglich sind jedoch die Vereinigten Staaten keine Ausnahme: Frauen sind fast überall auf der Welt politisch unterrepräsentiert. Wieso ist dies der Fall? Während es viele potentielle Erklärungen dafür gibt, gilt das Fehlen von gewillten Kandidatinnen als eine der grössten Hürden, die dem Schliessen des politischen „gender gaps“ im Weg stehen. Zwar finden sich noch immer strukturelle Nachteile für Frauen in gewissen politischen Institutionen und Wahlsystemen, jedoch ist auch die Angebots-Seite - dass weniger Frauen als Männer kandidieren - für die Untervertretung verantwortlich. Frauen sind tendenziell weniger daran interessiert sich für ein politisches Amt zur Wahl zu stellen als Männer. Dies ist einerseits mit dem Zweifel an den eigenen Qualifikationen zu erklären, andererseits mit der Tatsache, dass manche Frauen das Wahlprozedere und den Wahlkampf an sich nicht als reizvoll empfinden. Wie soll man nun diesem Sachverhalt entgegentreten? Geschlechterquoten waren und sind ein etabliertes und erfolgreiches Instrument um mehr Frauen für ein politisches Amt zu engagieren. Befürworter einer Quotenlösung argumentieren, dass Quoten positive externe Effekte (spillovers) auf die Frauenvertretung haben, womit sich eine Quote längerfristig selbst wieder hinfällig macht. Quoten führen nicht nur dazu, dass sich Wählerinnnen und Wähler vermehrt an weibliche Politikerinnen gewöhnen, sie schaffen zudem durch eine Erhöhte Beteiligung von Frauen an aktiven Wahlprozessen, dass es mehr Vorbilder für zukünftige weibliche Kandidatinnen gibt. Solche positiven Externalitäten entstehen nicht nur wegen der Geschlechterquote an sich, sondern wegen der durch ihr erwirkten stärkeren Präsenz von Frauen in politischen Ämtern generell.

Mein Artikel argumentiert, dass diese externen Effekte nicht nur innerhalb eines bestimmten Landes, Kantons oder innerhalb einer bestimmten Gemeinde eine Wirkung entfalten, sondern auch über deren Grenzen hinaus. Wird eine Kandidatin in ein Amt gewählt, so kann diese als Vorbild nicht nur für Frauen in derselben Gemeinde, demselben Kanton oder Land dienen, sondern auch Frauen in benachbarten politischen Einheiten. Als Konsequenz ist deshalb zu erwarten, dass die Kandidatur von Frauen durch Grenzen diffundiert. Die einzige Studie, welche dieses Argument bisher untersucht hatte, konnte dazu keine empirischen Belege finden. Die Studie berücksichtigte jedoch nur den Effekt einer einzigen, erst kürzlich stattgefundenen Wahl. Im Kontrast dazu macht sich meine Studie die späte Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz 1971 zu Nutze um den Effekt von weiblichen Vorbildern seit dem Begin des aktiven Frauenwahlrechts zu untersuchen. So lassen sich signifikante positive externe Effekte für einige Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts beobachten. Wurde eine Frau in einer Gemeinde gewählt, führte dies in der nächsten Wahlperiode in 10% der umliegenden Gemeinden dazu, dass eine zusätzliche Frau für das selbe Amt kandidierte. Dieser Effekt hält für ein paar Wahlperioden an, verschwindet dann jedoch: Die Wichtigkeit der weiblichen Vorbilder scheint nur temporär zu sein.

Zwei Gründe sind für diese abnehmende Wirkung von Vorbildern verantwortlich. Zum einen stellt sich heraus, dass externe Effekte nur dann eine Rolle spielen, wenn sich in einer Wahl keine Amtsinhaberin zur Wiederwahl aufstellt. Diese Fälle werden im Verlauf der Zeit seltener, da sich die politische Repräsentation von Frauen kontinuierlich verbessert. Andererseits ist zu beobachten, dass das Einpendeln des Frauenanteils bei lokalen Exekutiv-Wahlen um 20 bis 25 Prozent dazu führt, dass bei Bevölkerung, Parteien und potentielle Kandidatinnen der Eindruck entsteht, dies sei ausreichend für eine gleichberechtigte Vertretung der Geschlechter in politischen Ämtern.

Diese Befunde haben verschiedene praktische Implikation:

1) Interventionen, die zum Ziel haben, den Frauenanteil in der Politik zu erhöhen, sollten die positiven externen Effekte berücksichtigen. Werden zum Beispiel Quoten nur in gewissen Orten eingeführt, kann die (geographische) Verteilung so ausgestaltet werden, dass der Effekt maximiert wird.

2) Der Zeitpunkt einer Intervention ist entscheidend, da die externen Effekte verschwinden, wenn ein gewisser Anteil erreicht ist - auch wenn dieser Anteil weit entfernt von einer tatsächlichen Gleichberechtigung ist. Die groteske Konsequenz einer erfolgreichen Intervention kann deshalb sein, dass der Fortschritt, der im Bezug auf den Frauenanteil in der Politik erzielt wurde, zu schnell für selbstverständlich und ausreichend empfunden wird.

3) Diese Argumente können für andere unterrepräsentierte Gruppen, wie ethnische Minderheiten und LGBT Menschen (schwul, lesbisch, bi- und transsexuelle) von Bedeutung sein.

Trotz seiner Besonderheiten ist die Schweiz als Untersuchungsfall ziemlich repräsentativ für länderübergreifende Phänomene. Meine Studie zeigt, dass das Beispiel einer erfolgreichen Kandidatin andere Frauen motivieren kann eine politische Karriere anzustreben, jedoch nur bis der Anteil Frauen in der Politik als „genügend“ wahrgenommen wird. Ob Vorbilder auch in Zukunft einer Rolle spielen, wenn es darum geht, eine wirklich ausgeglichene Geschlechterverteilung in der Politik zu erreichen, ist davon abhängig, wie die gegenwärtige Situation von politischen Akteuren und der Bevölkerung im allgemeinen wahrgenommen wird – und davon wie erfolgreich Frauenrechtsgruppen dabei sind, diese Wahrnehmung zu ändern.